

Der Jakobuskult und die damit verbundene Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela setzte seit dem neunten Jahrhundert in Europa einen bis dahin nicht gekannten Kulturaustausch in Gang. Die Pilger kamen auf ihrem Weg Richtung Spanien zum ersten Mal in ihrem Leben mit anderen Kulturen, Sprachen und Traditionen in Berührung. Entlang der Hauptrouten begann der Handel zu blühen, und so mancher Pilgerort entwickelte sich zu einem wichtigen Marktflecken. Aber nicht nur in wirtschaftlichem Sinne waren die Pilgerrouten von großer Bedeutung. Auf ihnen fand auch ein Austausch von Kunst und Kultur in sehr weitreichendem Maße statt. Insbesondere der Jakobskult als Heiligenkult bildete zwischen den Kulturen eine Klammer. Begünstigt wurde dies durch die politisch-religiöse Situation der Zeit. Vor allem im elften und zwölften Jahrhundert formte sich das christliche Europa, verbunden mit der Ausprägung einer eigenen Identität. Deutlich wird dies an der Vereinheitlichung der nationalen Liturgien im römischen Sinne und durch die unter Papst Leo dem Neunten und Gregor dem Siebten eingeleitete starke Reformbewegung.
Auf diesem "fruchtbaren Boden" konnte sich der Jakobskult als Massenbewegung etablieren. Besonders die mündliche Überlieferung, speziell die Legendenbildung, erreichte eine große Mehrheit der leseunkundigen Bevölkerung. Aber auch andere Bereiche wie das Kunsthandwerk, die Architektur, die Malerei, bildende Kunst, Musik oder Literatur trugen zur Verbreitung der Jakobusverehrung bei. Selbst in den nicht religiösen Alltag der Bevölkerung fand der Heilige Eingang - man denke nur an die Namensgebung für bestimmte Pflanzen oder Speisen. Im Hochmittelalter war Jakobus daher allgegenwärtig, nicht nur im Volksglauben, sondern auch im Alltag.
Plötz, Robert: Jacobus Maior. Geistige Grundlagen und materielle Zeugnisse eines Kultes. in: Der Jakobuskult in Süddeutschland, Jakobusstudien 7, Tübingen 1995.