

Schon immer mussten die Menschen,
die sich auf den weiten Weg nach Santiago machten, bereit sein die Heimat
zu verlassen, Grenzen zu überschreiten
und sich in die Fremde zu begeben. Bereits eine Predigt des zwölften
Jahrhunderts lässt die universale Dimension des Apostelgrabes erkennen,
wenn von den Pilgerscharen die Rede ist, „die beim ehrwürdigen
Altar des heiligen Jakobus Nachtwache halten: Die Deutschen weilen auf der
einen Seite, die Franken auf der anderen, die Italer schließlich auf
der dritten. (…) Man hört die verschiedensten Sprachen, Gespräche
und Lieder der Deutschen, Engländer, Griechen und der anderen Stämme
und Völker auf dem gesamten Erdkreis.“
In der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts haben sich die Wege
Richtung Santiago, auf denen es zwischenzeitlich ruhiger geworden war, mit
neuem Leben gefüllt. Hatte zu Zeiten Francos, unter dem Santiago wieder
als Landespatron in Anspruch genommen wurde, eine erneute Belebung der Pilgerfahrt
auf nationaler Ebene eingesetzt, so verhalfen die Demokratisierung des Landes
nach Francos Tod und in der Folge der Beitritt Spaniens zur Europäischen
Gemeinschaft der Bewegung endgültig zur heutigen Europäisierung.
Nun sahen nicht nur die spanischen Politiker, sondern auch viele Europaparlamentarier
im Jakobsweg eine Straße, die schon im Mittelalter den Austausch und
die Verständigung der Nationen förderte und die auch heute beim
Aufbau eines gemeinsamen Europas helfen könne. Ein halbes Jahr nach
Gründung der Deutschen Sankt Jakobus-Gesellschaft, die die europäische
Zusammenarbeit in ihre Satzung aufgenommen hatte, unterzeichnete der Europarat
am 23. Oktober 1987 die Deklaration von Santiago. Diese erklärt die „Caminos
de Santiago“ zu europäischen Kulturstraßen, denen höchste
Bedeutung für die Entstehung Europas zukommt. (www.lvr.de/)
Der in ihr erteilte Auftrag, sich der Wege von ihrer Erforschung bis zur
Ausschilderung für den heutigen Pilger anzunehmen, brachte bereits
bestehende Initiativen in Kontakt zueinander und führte zur Gründung
neuer.
Für alle an den rheinischen Wegen Beteiligten
ergibt sich eine grenzüberschreitende
Beschäftigung mit dem Thema schon aus der geografischen Lage.
Die Zusammenarbeit mit den Jakobusgesellschaften jenseits der belgischen
und niederländischen Grenze war unabdingbare Basis von Anfang an.
Auch in Luxemburg und Lothringen, denen der Eifelweg, die Route 2, wieder
vermehrt Pilger zuführt, sind in den letzten Jahren Gesellschaften
zur Förderung
der Pilgerfahrt nach Santiago gegründet worden. Der Weg vom Rhein
zur Maas, der zu ungefähr gleichen Teilen über deutsches und
limburgisches Gebiet verläuft, entstand als gemeinsames Projekt der
Gesellschaften und Regionalverbände beiderseits der Grenze. Dass
der Führer zu
dieser Route in einer deutschen und einer niederländischen Ausgabe
erschien, ist nur konsequent.
2005 hat die Vorbereitung für die Ost-West-Verbindung Marburg-Köln
begonnen. Dieser Weg von der Grabeskirche der Heiligen Elisabeth zum Zentrum
der Dreikönigsverehrung schließt die noch bestehende Lücke
zwischen dem Pilgerweg entlang der Via Regia und den rheinischen Wegen
der Jakobspilger. Mit seiner Fertigstellung wird den Pilgern ein durchgängig
gekennzeichneter europäischer Weg von Polen bis ans Ende des alten
Westens in Galicien eröffnet.
Plötz, Robert: Santiago: Europas Weg, Vortrag „Instituto Cervantes“ Bremen am 27.Mai 2004, unveröffentlichtes Manuskript.
Herbers, Klaus und Jung, Georg: Der Weg der Jakobspilger, Hamburg 2004.